Die digitale Finanzarchitektur im Wandel: KI, digitale Währungen, Infrastruktur und Vertrauen
Der Digital Finance Day bringt Jahr für Jahr drängende Fragen rund um Technologie, Innovation und Regulierung im Schweizer Banking auf die Bühne. Die begleitende Blogserie im Nachgang zum Digital Finance Day 2025 hat diese Diskussionen vertieft, eingeordnet und weitergedacht. Ein Gespräch zum Abschluss der Blogserie.
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Richard, die Blogserie zum Digital Finance Day hat zentrale technologische und strategische Fragen rund um Digitalisierung im Banking beleuchtet. Was ist aus deiner Sicht die wichtigste übergeordnete Erkenntnis aus den Beiträgen?
Die wohl wichtigste Erkenntnis ist aus meiner Sicht, dass wir es nicht mehr mit einzelnen, isolierten Technologietrends zu tun haben. Die Beiträge zeigen sehr klar: Themen wie Stablecoins, Künstliche Intelligenz in Form von autonomen Agenten, Betrugsprävention oder Zahlungsverkehr und digitales Banking im Allgemeinen sind keine separaten Baustellen, sondern Teile eines gemeinsamen Systems. Sie greifen ineinander wie Zahnräder – und wenn eines schneller dreht, beeinflusst das unweigerlich die anderen.
Die Blogserie hat geholfen, einzelne Entwicklungen zu vertiefen, einzuordnen und die Zusammenhänge zwischen Innovation, Risiko und Verantwortung klarer herauszuarbeiten.
Stablecoins waren eines der prägenden Themen der Serie. Wie würdest du den aktuellen Stand der Diskussion zusammenfassen?
Die Diskussion hat einen klaren Reifegrad erreicht. Es geht heute weniger um die grundsätzliche Existenz digitaler Währungen wie Stablecoins, sondern um ihre konkrete Ausgestaltung und Einbettung in das bestehende Finanzsystem. Man könnte sagen: Die Phase des Experimentierens weicht zunehmend der Frage, wie diese neuen Bausteine tragfähig in das Fundament des Finanzsystems integriert werden können.
…und wo liegen bei diesem Übergang in die Praxis die grössten Hürden?
Im Fokus stehen hier Geldpolitik, Finanzstabilität, Zahlungsverkehr sowie technologische und strategische Souveränität. Die Beiträge machen deutlich: Digitale Währungen können Effizienzgewinne ermöglichen und neue Anwendungsfälle erschliessen – etwa im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr oder bei programmierbaren Zahlungen. Gleichzeitig braucht es eine saubere regulatorische Einordnung, damit aus Beschleunigung kein Kontrollverlust wird.
Ein zweiter Schwerpunkt der Blogserie war Künstliche Intelligenz. Warum ist dieses Thema für Banken so zentral?
Mit Agentic AI erleben wir derzeit einen qualitativen Sprung. KI ist nicht mehr nur Analyse‑ oder Assistenzwerkzeug, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem aktiven Mitspieler in bankfachlichen Prozessen. Systeme sind heute in der Lage, eigenständig zu agieren, Abläufe zu steuern und Entscheidungen vorzubereiten.
Das eröffnet enormes Potenzial für Effizienz, Skalierung und neue Geschäftsmodelle – stellt Banken aber gleichzeitig vor neue Herausforderungen in Bezug auf Governance, Verantwortung und Kontrolle. Gerade im Bankenumfeld sind deshalb Modelle entscheidend, in denen menschliche Expertise und KI nicht konkurrieren, sondern sich wie Pilot und Autopilot sinnvoll ergänzen.
Welche Rolle spielt KI im Kontext von Betrugsprävention – gerade im Zeitalter zunehmend KI‑gestützter Betrugsformen?
Eine zentrale. KI ist heute Teil der Lösung und Teil der Herausforderung zugleich. Auf der einen Seite ermöglicht sie Banken, Betrugsmuster schneller zu erkennen, Risiken präziser zu bewerten und präventive Massnahmen wirksamer auszurichten. Auf der anderen Seite nutzen auch Täter KI, um Betrugsmaschen zu skalieren, zu personalisieren und ihre Spuren besser zu verwischen.
Gerade deshalb wird deutlich: Betrugsprävention im KI‑Zeitalter ist kein Wettrüsten einzelner Akteure, sondern erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu gehören die laufende Sensibilisierung der Kundinnen und Kunden, wirksame technologische Lösungen und vor allem die branchenübergreifende Zusammenarbeit entlang der gesamten Fraud‑Chain. Nur wenn Informationen fliessen und Schnittstellen funktionieren, entsteht ein wirksames Schutznetz.
Welche Aufgabe kommt dabei den Verbänden zu – und konkret der Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg)?
Verbände übernehmen hier eine zentrale Brücken‑ und Koordinationsfunktion. Die SBVg versteht sich nicht als Taktgeber einzelner Technologien, sondern als Dialogplattform für Meinungsbildung und Positionierung: als Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt, Orientierung geschaffen und konkrete Empfehlungen für nächste Schritte erarbeitet werden.
Zum Abschluss: wo stehen wir in der Debatte rund um digitale Transformation im Banking?
Ganz klar: mittendrin. Die skizzierten Entwicklungen sind keine kurzfristigen Trends, sondern strukturelle Veränderungen mit langfristiger Wirkung. Sie verändern nicht nur einzelne Prozesse, sondern die Architektur des Finanzsystems als Ganzes.
Entscheidend ist deshalb, den Dialog fortzuführen – offen und faktenbasiert. In den kommenden Monaten bieten sich dafür weitere wichtige Plattformen, an denen ich eine Teilnahme wärmstens empfehle. Diese Anlässe stehen für Austausch, Vernetzung und gemeinsames Lernen. Denn die Zukunft der digitalen Finanzarchitektur braucht Dialog, nicht Alleingang.