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17.09.2026

Wettbewerbsfähigkeit – Finanzplatz Schweiz im Fokus

Ansprache von Marcel Rohner, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, anlässlich des Bankiertages 2026 

Sehr geehrte Damen und Herren

Dies ist meine fünfte und letzte Rede, die ich anlässlich eines Bankiertages halte. Ich habe an den vergangenen vier Anlässen über die globale Verschuldung, das Vertrauen in die Banken nach dem Niedergang der Credit Suisse, unseren Finanzplatz im Lichte der globalen Herausforderungen und über unsere Zukunftschancen gesprochen.

Wettbewerb, Bildung und Verantwortung sind die drei Bereiche, auf die ich heute vertieft eingehen möchte. Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Finanzplatzes steht im Fokus unseres diesjährigen Treffens, und ich möchte meine folgenden Bemerkungen auch in diesem Zusammenhang verstanden wissen.

Wettbewerb

Zu Beginn meines Präsidiums haben wir Kriterien für Rahmenbedingungen formuliert, für deren Realisierung sich der Verband einsetzen wird. Eines dieser Kriterien für ideale Rahmenbedingungen ist eine hohe Wettbewerbsintensität. Das mag etwas überraschen, zeichnen sich Wirtschaftsverbände doch manchmal auch dadurch aus, dass sie Wettbewerb einschränken und Konkurrenz beschränken wollen.

Eine hohe Wettbewerbsintensität ist aus unserer Sicht jedoch eine unabdingbare Voraussetzung und Grundlage für den nachhaltigen Erfolg eines jeden Wirtschaftszweiges. Eine hohe Wettbewerbsintensität zwingt Unternehmen zu ständiger Innovation, sie führt für Kundinnen und Kunden zu immer besseren und umfassenderen Produkten und Dienstleistungen. Sie führt zu sinkenden Preisen. Sie hält also die Branche fit und hilft den Konsumentinnen und Konsumenten. Sie ist damit ohne Zweifel ein Motor für wachsenden Wohlstand. Sie ist ebenso zwingende Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Für einen hoch regulierten Sektor wie den Finanzplatz bedeutet dies aber auch, dass die Gesetzgebung und Regulierung so ausgestaltet werden müssen, dass die Markteintrittsschwellen einerseits tief gehalten werden und andererseits international abgestimmt sind. Nur dann bleibt die Wettbewerbsintensität hoch und nur dann sind die Finanzinstitute auch wettbewerbsfähig.

Es ist darum eine problematische Unterlassung, wenn Gesetzgeber und Regulator die Wettbewerbsfähigkeit nicht auf dieselbe Stufe ihrer Ziele für Bankengesetze und Bankenregulierungen stellen wie den Schutz der Einlegerinnen und Einleger, der Kundinnen und Kunden sowie die Stabilität des Finanzsystems. Dass zwischen diesen Zielsetzungen – Wettbewerbsfähigkeit, Kundenschutz, Finanzstabilität – teilweise Zielkonflikte bestehen, ist offensichtlich. Der Königsweg liegt im sorgfältigen Austarieren eben dieser Spannungsfelder.

Leider ergibt sich im Rückblick auf dieses Austarieren ein trauriges Bild. Wenn wir uns vergegenwärtigen, was wir in der Schweiz aufgrund zusätzlicher Steuern, komplizierter Gesetzgebung oder Regulierung an Chancen verpasst oder an guten Geschäften abgegeben haben, ist das aus Sicht eines Bankiers schwer zu ertragen.

Am 1. Januar 1980 hob die Schweiz die Steuerbefreiung von Münz- und Feingold auf und unterstellte sie der Warenumsatzsteuer. In der Folge fiel der Anteil des Schweizer Goldhandels von 70 % auf unter 40 %. Dieser Verlust wurde auch nach der Aufhebung der Steuer nie mehr wettgemacht.

1986 schrieb der Internationale Währungsfonds, dass die Stempelabgabe die Schweizer Banken daran gehindert hat, in der Schweiz aktiv mit Eurobonds zu handeln. Stattdessen sind die Transaktionen über Niederlassungen und Tochtergesellschaften im Ausland – hauptsächlich in London – abgewickelt worden. Damit sind wichtiges Know-how im Wertschriftenhandel und die dazugehörige Infrastruktur unwiederbringlich verloren gegangen, obwohl in der Schweiz wegen der substanziellen verwalteten Vermögen eine grosse Platzierungskraft vorlag und immer noch vorliegen würde.

Die Cayman Islands haben sich aufgrund einer steuerlich attraktiven Gestaltung auf Fondsebene, flexibler Gesellschafts- und Partnership-Strukturen und einer regulatorisch attraktiven Behandlung von professionellen Investoren Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre nach dem Erlass des Mutual Funds Law 1993 zum weltweit führenden Standort für die Administration von Hedge Funds entwickelt. Die Verrechnungssteuer auf bestimmten Fondserträgen hat das Ihre dazu beigetragen, dass die Schweiz als Standort für Fondsdomizile unattraktiv blieb.

Obwohl die Schweiz ein weltweit führender Vermögensverwaltungsplatz für private und institutionelle Kunden ist und im Vergleich über sehr grosse verwaltete Vermögen verfügt, werden als Folge einer unvorteilhaften Standortpolitik wesentliche Teile der dazugehörigen Finanzinfrastruktur und Produkte im Ausland aufgebaut und produziert. Es ist eine Meisterleistung der verpassten Chancen. Es hätte nicht sein müssen.

Mein Aufruf geht also an die Politik, den Gesetzgeber und den Regulator: Helfen Sie, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit solche Chancen in Zukunft genutzt werden können.

Wir werden unseren Wohlfahrtsstaat für kommende Generationen nicht mit sozialistischen Utopien finanzieren können, sondern mit einer prosperierenden und wachsenden Wirtschaft. Der Finanzplatz ist bestens aufgestellt, seinen grossen Beitrag weiterzutragen oder auszubauen. Man muss es aber auch wollen!

Bildung

Eine weitere Grundlage für nachhaltige Prosperität eines Wirtschaftszweiges sind gut ausgebildete Fachkräfte.

Das Fundament dafür ist unser bewährtes und wirksames duales Bildungssystem. Die Berufslehre mit der nachgelagerten Durchlässigkeit der Bildungswege ist eine hervorragende und bewährte Plattform, um Fachkräfte auszubilden.

Als ich nach meiner akademischen Ausbildung als Quereinsteiger ins Bankgeschäft eintrat, hatte ich das Privileg, für und mit Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, die mit der Berufslehre unser Geschäft von der Pike auf gelernt haben. Ihre Erfahrungen, Ratschläge und fachlichen sowie technischen Inputs waren für mich von unschätzbarem Wert. Die Erfahrungen im Alltag und die Detailkenntnisse in verschiedensten Bereichen des Bankwesens, die oft späteren Weiterbildungen vorausgegangen sind, erweisen sich in der Praxis als ausgesprochen wertvoll.

Ich halte persönlich gar nichts von anzustrebenden höheren Maturitätsquoten und der zunehmenden Akademisierung der Bildung. Das ständige Infragestellen der Leistungsorientierung unseres Bildungssystems durch eine Vielzahl von fragwürdigen Gleichheitsidealen führt nur zu einer Schwächung des Leistungsniveaus. Daran kann im Endeffekt niemand wirklich ein Interesse haben.

130 Institute beschäftigen insgesamt rund 3000 Banklernende. Für dieses Engagement gebührt all diesen Banken grosser Dank. Wir müssen alles daransetzen, die Berufslehre als Pfeiler der Berufsausbildung weiter zu stärken und auszubauen.

Aber auch Universitäten haben ihren Beitrag zu leisten, die notwendigen Fachkräfte bereitzustellen. Was in den Ingenieur- und Naturwissenschaften schon seit über hundert Jahren selbstverständlich ist, war im Bereich der Wirtschaftswissenschaften nicht immer der Fall. So war es Ende der 90er-Jahre fast nicht möglich, in der Schweiz an Universitäten eine Finanzausbildung zu machen, die mit jener in Ländern mit führenden Finanzplätzen vergleichbar war.

Die Schweizer Banken haben dann 2006 mit der Gründung des Swiss Finance Institute eine Institution geschaffen, welche die Universitäten massgeblich dabei unterstützt hat, diesen Rückstand aufzuholen. Mit seinen 20 Jahren ist das Swiss Finance Institute ein Pfeiler einer äusserst effektiven und wohl einzigartigen Public-Private-Partnership. Über 2500 Studierende absolvieren gegenwärtig die renommierten Bachelor- und Master-Programme des SFI, und jedes Jahr nehmen um die 1400 Bankerinnen und Banker an den SFI Master Classes teil. Das SFI ist eines der Top-10-Research-Institute für Banking und Finance weltweit.

Ich rufe meine Kolleginnen und Kollegen dazu auf, die Berufslehre zu unterstützen, die entsprechenden Lehrstellen zu schaffen und den wichtigen Beitrag an das SFI auch in Zukunft zu leisten. Beide sind für die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes von entscheidender Bedeutung.

Verantwortung

Meine fünfjährige Tätigkeit als Präsident der Bankiervereinigung war geprägt und überschattet durch den Niedergang der Credit Suisse und deren Notübernahme durch die UBS. Es ist mir deshalb wichtig, nochmals auf das Thema Verantwortung einzugehen, wie ich es bereits 2023 anlässlich unserer Jahrestagung getan habe.

Mit dem Währungsmonopol der Nationalbank und dem darauf basierenden zweistufigen Teilmindestreserven-System hat der Bankenplatz einen staatlichen Anker. Dieses System wurde vor über hundert Jahren bewusst geschaffen, um eine ausreichende Kreditversorgung und eine stabile Währung dauerhaft zu gewährleisten. Aufgrund dieses staatlichen Ankers sind wir eine regulierte Industrie.

Als Bankerinnen und Banker haben wir deshalb ähnlich wie Ärztinnen und Ärzte oder Anwältinnen und Anwälte eine besondere und erhöhte Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber unseren Kundinnen und Kunden und auch gegenüber unseren Eigentümerinnen und Eigentümern.

Wenn wir Kundenbeziehungen eröffnen wollen, müssen wir immer wissen, mit wem wir es zu tun haben und woher das Geld kommt. Nur so können wir verhindern, dass unser Finanzplatz und unsere Institute von fragwürdigen oder gar kriminellen Kreisen missbraucht werden.

Wenn wir unsere Kundinnen und Kunden beraten, müssen wir ihre Umstände, Vermögenslage und Kenntnisse in Finanzangelegenheiten umfassend verstehen, damit wir unsere treuhänderische Verantwortung wahrnehmen können und in ihrem besten Interesse handeln.

Wenn wir Kredite vergeben, müssen wir die finanziellen Voraussetzungen und Möglichkeiten der Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer genauso in Betracht ziehen wie die Sicherheit der Einlegerinnen und Einleger, deren Gelder wir ausleihen.

Wenn wir finanzielle und operationelle Risiken eingehen, müssen wir uns zwingend mit potenziellen Extremereignissen auseinandersetzen, um fundamentale Gefahren von unseren eigenen Instituten oder vom Finanzplatz als Ganzes nach Möglichkeit fernzuhalten.

Wenn wir unsere Verantwortung entlang dieser einfachen und grundlegenden Leitlinien wahrnehmen, werden wir nicht nur eine erfüllende, in hohem Masse befriedigende und wertvolle Tätigkeit ausüben; wir werden uns auch auf natürliche Weise innerhalb des gesetzlichen Rahmens und der Regulierungen bewegen.

Das Umsetzen und Leben dieser Verantwortung im Bankalltag verlangt jedoch ein hohes Mass an Fachwissen, Umsicht und Integrität. Es muss unser aller Ziel sein – im Wissen um unser Unwissen und im Bewusstsein unserer Unzulänglichkeiten –, diese Ziele, dieses Verhalten und diese Werte dauerhaft hochzuhalten und anzustreben.

Intensiver Wettbewerb, eine hohe Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte und eine als selbstverständlich empfundene und gelebte Berufsethik sind die Pfeiler, auf denen unsere künftige Entwicklung ruht. Es liegt damit in unseren Händen, ob wir auch in Zukunft einen prosperierenden und weltweit führenden Finanzplatz in unserem Land haben. Ich rufe alle meine Kolleginnen und Kollegen vom Banken- und Finanzplatz dazu auf, sich für diese Bereiche einzusetzen.

An dieser Stelle möchte ich meinen Kolleginnen und Kollegen im Verwaltungsrat und in der Geschäftsstelle der Schweizerischen Bankiervereinigung für die Unterstützung und hervorragende Zusammenarbeit in den letzten fünf Jahren danken. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, dieses Amt auszufüllen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Marcel Rohner
Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung
17. September 2026

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